Utopie 4: Frankfurt

Dies ist die Fortsetzung von „eine Utopie“, Utopie: Hight-Tech“, „Utopie 3“ zu finden in der Kategorie: Allerhand Geschichten (das erste Kapitel ist ganz unten):

Utopie 4

Frankfurt

Als Kutila schon eine ganze Weile gelaufen war, bemerkte sie plötzlich ein beständiges Tapsen hinter sich. Immer wenn sie stehen blieb, hörte das Tapsen auf und wenn sie weiter lief, lief es auch weiter.

Irgendwie wurde ihr das unheimlich. Deshalb beschloss sie, auf einen Baum zu kletter und zu schauen wer ihr da folgte.

Sie wählte eine dichte Tanne und kaum war sie ein paar Meter hoch geklettert, als ihr Herz einen Hüpfer machte. Am Stamm unten saß ein ein fast erwachsener Tiger und schaute lustig zu ihr herauf! Grade streckte er sich und begann seine Krallen an der Rinde zu wetzen. Er schnupperte vernehmlich und bekräftige seinen Wunsch nun endlich bei ihr zu sein, mit einem kleinen Grunzer.

Kutila kletterte hinab und stand nun etwas ratlos vor ihm. „Was soll ich denn mit dir? Füttern kann ich dich jedenfalls nicht.“, sagte sie. Ihre Stimme klang dabei aber eher zärtlich und erfreut, als ablehnend. Der Tiger legte sich auf den Rücken, fauchte und fuchtelte mit seinen Tatzen in der Luft herum als ob er eine imaginäre Beute gefangen hätte.

Schon verliebt. Kutila wusste, dass sie aufgeben konnte sich dagegen zu wehren.

Willst du etwa mit ans Meer? Willst du mit mir zu den Inselfischerinnen?“, lächelte sie mit kaum gebremster Begeisterung.

Der kleine Tiger sprang nun verspielt vor ihr her und wie um ihre Sorge um das Futter zu besänftigen, hatte er im nu einen Hasen zwischen den Krallen. Kutila schaute betreten zur Seite und lief schon mal voraus.

Nach einer Weile folgte der Tiger ihr, sich genüsslich das Maul lschleckend.

Das wurde eine schöne warme Nacht, so in das Fell gekuschelt.

Tage später, hörten sie beide wiederum Tapsen hinter sich und die Schwanzspitze des Tigers begann aufgeregt zu vibrieren. Aber erst nach 3 Tagen entdeckte Kutila, wer ihnen da hinterher geschlichen war.

Begeistert zuckte sie zusammen. Eine schwarze Pantherin, deren grüne Augen leuchteten wie Diamanten.

Sie kam heran und legte sich auf den Boden, wie um zu zeigen, dass sie ihnen nichts tun wollte. Kutila näherte vorsichtig ihre Hand. Aber schließlich kraulte sie sie hinter dem Ohr.

Das wurde ein lustiger Tag. Der Tiger und die Pantherin spielten den ganzen Tag um sie herum. Sie sammelte Kastanien und Kräuter und erhitzte sie später in der Glut.

Nach 5 Tagen sahen sie in der Ferne eine große Stadt. Das musst Frankfurt sein. Kutila war gespannt darauf. Sedidja hatte ihr immer viel von der Stadt erzählt. Vor dem großen Chaos hätten fast alle interessanten Vergnügungen in großen Städten statt gefunden und sie sei oft dort gewesen zum tanzen.

Schließlich stand sie vor dem, was einmal Frankfurt gewesen sein mochte.

Überall zwischen den Häusern wuchsen riesige Bäume bis in den Himmel hinein. Kutila konnte nicht begreifen, warum sie ausgerechnet hier zu solch ungeheurer Größe hinauf geschossen waren. Von den Dächern und Balkonen wucherten Farne, Efeu bildete dichte Vorhänge, durch die fast nichts mehr zu sehen war. Dazwischen gediehen seltsame große rote Blumen auf alten Baumriesen, die einst aus irgend einem Gewächshaus ausgewildert sein mochten. Bunte Vögel flogen überall umher und erfüllten die Luft mit ihrem Geschrei und ihren seltsamen Rufen. Auf einzelnen Lichtungen hatten die Menschen Gemüse angepflanzt.

Dazwischen standen halb zerfallene, zerfallene, aber auch intakte Häuser, die gut gepflegt waren. In der Ferne prangten Türme mitten aus dem Urwald hervor.

Während Kutila, der Tiger Rosan und die Pantherin Aala noch standen und schauten, bemerkten sie eine Bewegung über sich. Hoch oben war ein Baumhaus und im Eingang saß mit baumelnden Beinen eine Frau, die auf sie herab lächelte.

Hallo, wo kommt ihr den her?“, fragte sie. Auch Aala und Rosan schauten interessiert hinauf, denn um die Hütte herum spielten 4 Katzen, Fangen.

Magst du heraufkommen?“, fragte die Frau nun und rüttelte an einer Strickleiter, die direkt zu Kutilas Füßen endete.

Kutila fühlte sich etwas zittrig, als sie hinauf stieg und wusste nicht wieso. Einen Moment lang dachte sie an ihre Freundin im fernen Kukuwa.

Aus der Hütte schien ihr eine warmes rotes Licht entgegen.

Die Frau der sie gegenüber stand, hatte braunes volles Haar und einen Gesichtsausdruck, der sie merkwürdig berührte.

Komm herein, ich heiße Suray. Wie heißt du?“

Kutila merkte gerade, dass sie sich irgendwie komisch benahm.

Ich, ich heiße Kutila.“, stammelte sie. Aala leckte ihr sanft die Hand. Sie beruhigte sich ein wenig.

Nun schaute sie sich um. Eine Wand war ganz mit Büchern bedeckt. „Rosa Luxenburg“, „Lokal bewegen, global verhandeln“, las sie auf den Buchrücken. Und viele mehr. Dazu altertümliche Bilder, die halb verblichen waren.

Ich beschäftige mich damit, was die Menschen vor dem Großen Chaos für Ideen hatten. Diese hier träumten von etwas, das fast so ist wie die Welt in der wir leben, nur dass unsere hier noch viel schöner ist.“ Ihr Finger zeigte auf die Bücher, deren Titel Kutila gelesen hatte. „Sie hatten sich eine schöne Welt erträumt, aber dass sie so schön werden könnte, hatte wohl in diesen finsteren Zeiten ihre Vorstellungskraft überschritten.“

Hier lachte sie befreit und übermütig und warf den Kopf dabei in den Nacken. Endlich fiel auch die Befangenheit von Kutila ab. Sie lachte mit und begann von ihrer Großcousine Sedidja zu erzählen. Darüber ging der Tag dahin. Endlich kuschelte sie sich unter den Wurzeln von Surays Baum zwischen den Katzen zusammen.

Am nächsten Morgen hatte Suray Tee für sie gekocht.

Soll ich euch mal unser Versammlungshochhaus zeigen?“

Unterwegs plauderten sie. „Was ist das denn für eine Kultur, die ihr hier habt?“, fragte Kutila. „Keine bestimmte. Es kommen allerhand Kulturen zusammen. Hier findest du einfach alles und das interessanteste im Versammlungshochhaus. Manche mögen einfach den Großstadtdschungel und sind hier geblieben. Eigentlich ist hier immer noch Chaos, aus dem allerhand neues entsteht.“

Kutila bemerkte aber, dass alle zerfallenen Häuser sorgfältig abgeriegelt waren. Vermutlich damit keine Kinder darin zu Schaden kamen.

Nach einigen Stunden Weges standen sie vor einem riesigen nach oben spitz zulaufenden Haus, das sehr alt aussah.

Viel Stimmen und Musik klangen daraus hervor und vermittelten den Eindruck eines Bienenschwarmes.

Sofort befand sie sich zwischen vielen Menschen, die teilweise etwas erstaunt auf Rosan und Aala schauten.

Nun betrat sie einen Saal, in dem alle saßen, nur eine Frau stand und rief: „Ich möchte im Sommer arbeiten und im Winter schlafen! Den Winter möchte ich unter der Erde verbringen und den ganzen Tag nur lieben, Geschichten erzählen und träumen!“ Stille breitete sich aus. Den meisten Menschen erschien das etwas unrealistisch. Es gab dazu zwar kein Gesetz, jedoch galt es als sehr unhöflich, den Lebenstraum eines Menschen als unrealistisch abzutun. Auch tat die Frau ihnen Leid, denn sie war nun schon seit 5 Jahren in Frankfurt und verkündete ihre Idee. Bisher hatte sie noch keine Menschen gefunden, die ihre Vision teilten.

Ich! Ja ich habe auch diese Vision!“ ein schmaler Mann mit braunem Bart und Haaren war bebend aufgestanden. Tränen liefen über seine Wangen.

Durch den Saal lief ein Vibrieren. Alle wussten: Hatten sich erstmal 2 Menschen mit ihrer Vision gefunden, kamen bald wie von selbst noch mehrere dazu.

Es dauerte lange, ehe sich im Saal wieder etwas rührte, aber dann brach begeistertes Raunen aus. Die Frau und der Mann lagen sich in den Armen.

Sie blieben noch eine Weile in dem Haus. Auf jedem Stockwerk gab es etwas anderes. Hier Musik und Tanz, da Theater, dort dichteten die Menschen Geschichten und ganz oben, wo das Licht am besten war, wurde gemalt.

Es war ein orgiastisches Erlebnis. Kutila wusste nicht, wo sie zuerst hingehen wollte. Überall Lachen, singen und dieses bienenstockartige Vibrieren.

Immer wieder musst sie schauen, dass sie Rosan, Aala und Suray nicht verlor.

Sie war froh, als sie hinterher in Surays Baumhaus lag und all die Bilder nochmal im Geiste vor sich sah. Am ergreifendsten fand sie den Gesichtsausdruck der Frau, die im Winter schlafen wollte, als der Mann aufstand und auf sie zu lief.

Nach einigen Tagen oder Wochen verabschiedeten sie sich. Kutila kletterte die Strickleiter hinunter. Sie drehte sich noch einmal um und winkte Suray, die im Eingang ihres Baumhauses saß und mit den Beinen baumelte.

Beim weggehen erschien ihr die Luft wie mit Drogen getränkter Nebel. Sie konnte nicht mehr laufen, sondern vor Freude nur noch hüpfen und rennen. So lief sie dem Meer entgegen. Immer weiter und weiter, bis sie außer Atem unter einem Baum zur Ruhe zusammenbrach.

Die Feen deckten einen Mantel über sie und ließen sie schlafen.

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Utopie 3: Ciao, Mama

Den Anfang der Geschichte findet ihr in der Kategorie: Allerhand Geschichten.

Utopie 3

Ciao, Mama“

Während Kutila noch den Tee schlürfte, öffnete sich die Tür und sie schaute in einen rötlich erleuchteten Gang. Ein großer Löwe schlich heran. Auf seinem Rücken saßen 2 Kinder. Ein blondes Mädchen hielt sich in seiner Mähne fest und hinter ihm saß ein brauner Junge mit krausem Haar, der sich an ihr festhielt und hin und wieder den Kopf zurück warf und aus voller Kehle lachte.

Der Löwe machte dann jedes mal eine Satz und die 2 Kinder lachten noch mehr, wobei das Mädchen ihren Kopf in seiner Mähne verbarg.

Vor der Tür setzte der Löwe sich und die Kinder rutschten von seinem Rücken herunter. Sie standen jetzt alle 3 dort und starrten Kutila an.

Darf ich vorstellen, das ist meine Mama“, lächelte Nara-Zuli. Die Kinder, etwas 3 Jahre alt, kamen heran und bestaunten Kutilas dunkles Haar mit den silbrigen streifen. Dann liefen sie zu Nara-Zuli und Romascha und schauten von dieser sicheren Warte auf die fremde Frau.

Das sind meine Nichte Keia und mein Neffe Shady.“, sagte Romascha.

Die 2 schauten noch eine Weile wie Kutila Tee trank und immerzu ergriffen auf ihre Tochter schaute. Dann rannten sie quitschend den Gang zurück und der Löwe trottete gelassen hinter ihnen her.

Kutila staunte. Sie musst zugeben, dass Leben in Hight-Tech hatte einen Reiz. So gerne hätte sie aber nun zum Abschied ein paar Worte mit ihrer Tochter alleine gesprochen. Als habe Nara ihre Gedanken erraten schlug sie vor: „Wollen wir in den Wald rutschen und dort einen kleinen Spaziergang machen? Ich bin auch sehr müde, denn wir haben unten in den Werkstätten heute stundenlang an der Konstruktion eines lautlosen Fliegers gebastelt. Es funktioniert einfach noch nicht. Das Problem ist das Landen und die Nurisla will nicht rechtzeitig in den Nastum gehen. Deshalb ist die Landung immer zu schnell!“

Kutila nickte, obwohl sie nicht richtig verstand um was es ging. Sie konnte ihre Seele fliegen lassen und das genügte ihr.

Mutter und Tochter gingen zu der Luke die zur Rutsche führte. Das war immer das schönste an den Besuchen bei ihrer Tochter und sie setzte sich auf das Tiegerfell, das sie sich fest knotete und los ging es, in atemberaubender Geschwindigkeit, dass ihr Bauch hüpft, hinab in den grünen Wald. Unten landete sie in einer weichen Mulde aus Sand.

Nara lies nicht lange auf sich warten und dann spazierten sie durch die Baumalle. Der Wald wurde immer dichter. Sie schwiegen und genossen die Schönheit.

Endlich gelangen sie zu einer Großen Schaukel, auf der sie beide Platz hatten. Sie war hoch oben an den Bäumen befestigt. Im dichten Grün konnten sie sich gegenüber sitzen. Die Bewohnerinnen aus Hight-Tech hatten überall um die Stadt solche Plätze zum ausruhen hergerichtet.

Nach einer Weile des Schweigens sagte Kutila: „Bist du denn wirklich glücklich in Hight-Tech? Vermisst du nicht manchmal unsre natürliche Art zu leben?“

Doch Mama, manchmal schon. Manchmal wache ich auf und bin ganz panisch und dann denke ich: Wo ist die Erde? Wo ist der Wind, der um die Balken unserer Hütte singt? Aber dann spüre ich Romascha neben mir und die Tiegerin auf meiner anderen Seite, schaue durch das Fenster in den Sternenhimmel und weiß, es ist ok. Manchmal wenn mich die Sehnsucht packt, streife ich ein paar Tage durch den Wald und schlafe irgendwo unter den Büschen. Dann fühle ich mich wieder daheim.“

Kutila lief eine Träne die Wange herunter.

Du weißt, dass du jederzeit wiederkommen kannst?“

Ja, Mama, ich weiß.“

Sie umarmten sich lange. Die Schaukel schaukelte vor und zurück und die Mondin schaute staunend durch die Blätter und schickte ihren Segen.

Schlaf doch morgen noch mal bei uns. Du wirst sehen, Hight-Tech hat einen Reiz. Es wird dir gefallen.

Ohne Worte liefen sie zurück. Kutila konnte noch nicht antworten, denn dann hätte sie wieder angefangen zu weinen. Halb vor Scmerz und halb vor Freude, denn sie sah ja auch, dass es ihrer Tochter gut ging. Ohne sie! Und bei dem Gedanken hätte sie fast wieder angefangen zu weinen.

Jetzt hänge ich an meiner Tochter, wie meine Tochter als Kind an mit, dachte sie halb belustigt.

So verbrachte Kutila einen ganzen Tag in Hight-Tech. Sie frühstückten auf einer Terasse, die über den Wald und den Neckar schaute. Dann besichtigte sie die Labore und Werkstätten im unteren Teil der Häuser. Überall tönte die unterschiedlichste Musik und es gab auch immer Menschen die nicht arbeiteten, sondern die anderen mit Theaterstücken und Musizieren erfreuten. Ich Ecken saßen Gruppen von Kindern, die sich um ein oder 2 Erwachsenen scharrten und gebannt irgend etwas erklären ließen oder selber ausprobierten. Andere Kinder spielten dazwischen herum und es gab auch richtige Spielzimmer daneben, wo die Kinder laut herum toben konnten, ohne die Erwachsenen und die lernenden Kinder zu stören.

Froh war sie, als sie mittags ein sehr leckeres vegetarisches Gericht bekam.

Wir essen nicht alle Fleisch!“, erklärte Nara, die wieder mal ihre Gedanken erraten hatte. Auch Nara hatte ihre Probleme damit, wenn die Menschen aus Hight-Tech mit einem erlegten Tier von der Jagt zurück kamen und fühlte sich in diesen Momenten fremd in ihrer Wahlheimat. Aber das wollte sie ihrer Mutter nicht sagen.

Am nächsten Morgen stand dann endgültig der Abschied bevor. Kutila hatte ein Funkbilschirmtelefon, dass sorgfältig in einer strahlen-dichten Schachtel verstaut war in der Tasche. Nun umarmten sie sich. „Ciao; Mama!“, rief Nara winkend und dann rutschte Kutila weinend die Wendelrutsche herunter. Das war ein komisches Gefühl, als das lustige Kitzeln sich mit dem Schmerz in ihr vermischte…..