Morbus Bosporus

Ich habe hin und wieder KollegInnen, die zuvor in der Psychiatrie gearbeitet haben.
Einer von ihnen sagte mal: „Da hatte dann jemand Morbus Bosporus…“
Ich kapierte es erst nicht. „Was ist denn Morbus Bosporus?“
„Na wenn die Leute da stehen und lamentieren, herumschreien und so. Wie die Türken, du weißt schon.“
Ich war geschockt.
(Auf diese Art hatte er sich mit seinen Kollegen auf rassistische Art über die PatientInnen und ihre Zusammenbrüche lustig gemacht.)

Aber dann hat es mir einen guten Ansatzpunkt für meine Herumphilosophierereien gegeben….

Das ist tief persönlich und hoch politisch……
Wir leben in einer Kultur, in der den kleinen Kindern von klein auf beigebracht wird, dass sie lernen müssen, ihre Gefühle zu beherrschen. Ihre Gefühle nicht zu zeigen.
Nicht durch Zufall ist diese Kultur die erfolgreichste auf der Erde.

Ihr Reich reichte (und reicht wirtschaftlich immer noch-natürlich nicht uneingeschränkt-) von Skandinavien bis nach Südafrika. Von Kanada bis nach Südamerika. Eigentlich beherrschen sie fast die Ganze Welt….
Auch der größte Teil der Umweltzerstörung geht auf ihr Konto. Und hier ist es, wo Spiritualität und Politik sich treffen: Denn das sind die Entsprechungen. (Analogien)
Die zerstörte und beherrschte Umwelt entspricht der zerstörten und beherrschten Innenwelt.
Denn als Enstprechung in der Innenwelt sind wir auch eine Kultur von Drogensüchtigen. (Alkohol, Tabak, Tabletten, usw.)
Sehr viele ertragen das Leben nüchtern nicht.

Aber was hat das auf sich?
Die Unterdrückung der Gefühle und das Verbot diese zu zeigen ermöglicht, dass Menschen sich regelhaft ungeheure Sachen antun, ohne dass irgend jemand schreit. Ohne dass irgend jemand es mit bekommt.
Egal was jemandem angetan wurde. Es gilt als höchst unakzeptabel, zu schreien, zu kreischen, zu lamentieren, laut zu weinen.
Dadurch können sich Menschen auf der psychischen Ebene ungeheure Dinge antun, ohne dass sie irgend jemand daran hindern würde. Gefühle lautstark zu äußern, macht einen Menschen unglaubwürdig. Bis dahin, dass er für verrückt erklärt wird.
Nun werden emotionale Ausbrüche natürlich stärker, wenn sie lange unterdrückt wurden. Das gibt dann Explosionen, die in der Situation unangemessen wirken.

In unserer Kultur ist der körperliche Schmerz schon längst auf die Psyche verschoben. Kinder bekommen keine Schläge mehr, sondern zB schlechte Noten.
Das tut dem Kind in der Seele weh. Aber es gilt als höchst lächerlich, wenn eine Kind dann weint, oder wütend wird, weil es meint es habe das gar nicht verdient. Das wird ihnen in den ersten Schuljahren weitgehend abgewöhnt.
Dieser andauernde Schmerz führt dazu, dass viele Menschen anfangen ihre Gefühle zu unterdrücken.
Eigentlich sind Gefühle das größte Lebenselixier. Aber wenn da immer zu viel Schmerz ist, fangen Menschen an sie zu unterdrücken.

Auf die Art läuft auch die Frauenunterdrückung hier und heute. Männer werden dazu angestachelt, Frauen zu benutzen. Es gilt als akzeptabel, wenn der Mann älter ist, als die Frau.
Das typische Szenario: Sie liebt ihn, aber er wollte nur mal seinen Spaß im Bett und lässt sie dann fallen wie eine Kartoffel. Sie wird nicht schreien und lamentieren. Aber es ist eine große Verletzung, die sie erlitten hat.
Frauen können das natürlich manchmal auch. Besonders wenn sie männlich sozialisiert sind. Irgendwie scheint es das Selbstbewusstsein mancher Menschen zu heben, wenn sie auf den Gefühlen anderer Menschen herum trampeln und diese ausbeuten. Sich anhimmeln lassen, ohne selber Gefühle zu investieren. (das ist das Groupie-Thema)
http://de.wikipedia.org/wiki/Groupie

Auch politische Gefangene werden ja hierzulande nicht mehr körperlich gefoltert, sondern seelisch. So bekamen die RAF-Häftlinge keine Elektroschocks. Sie wurden nicht ausgepeitscht oder verprügelt, sondern bekamen Isolationshaft. Eine schreckliche Form seelischer Folter.
Auch politisch anders denkende werden nicht mehr ins Gefängnis geworfen, sondern einfach gesellschaftlich geächtet. Im schlimmsten Fall (und wenn jemand keine Gleichgesinnten findet) ist das eine Form der seelischen Steinigung.

Wir sind darauf getrimmt, nicht zu schreien, egal was uns angetan wird. Nur deshalb kann es geschehen.

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